Über Philosophie und Fotografie

„Die Objektivität eines Bildes (einer Idee) kann gar nichts anderes als das Ergebnis der Manipulation (der Beobachtung) irgendeiner Situation sein. Jede Idee ist insofern falsch, als sie das von ihr Erfasste manipuliert, und in diesem Sinn ist sie ‚Kunst’, das heißt Fiktion. Dennoch gibt es in einem anderen Sinn wahre Ideen, nämlich dann, wenn sie das von ihnen Betrachtete wirklich erfassen. Das wollte Nietzsche vielleicht sagen, als er behauptete, dass die Kunst besser als die Wahrheit sei.“

Bin während der Lektüre des folgenden Buches über einige interessante Zitat  zum Thema Fotografie gestolpert, welches ich Euch nicht vorenthalten will. Das oben stehende hat mir dabei am besten gefallen – unten noch einige weitere Zitate von Flusser.

Ein Bild mit künstlerischer Aussage, ist für mich wie für Flusser auch ein Bild, dass eine vielleicht nicht allen auf den ersten Blick sichtbare Wahrheit, vielen Menschen sichtbar und zugänglich macht. Ein gutes Bild sagt mehr als Tausend Worte. Wie jenes Bild oben, dass ich von dem portugiesischen Schuhputzer Sergio in der Altstadt von Las Palmas gemacht habe. Man muß nicht mit ihm tausend Worte gewechselt haben, um zu sehen, dass er die Ruhe seiner sitzenden Arbeit an der freien Luft geniest und dass er die Tauben, mit denen er jeden Arbeitstag teilt, liebt.

Auch dieses Bild ist Manipulation, denn es erhöht das Leben von Sergio und präsentiert die romatnischte und schönste Seite seines Lebens. Nicht zu sehen ist, dass er diesen Beruf nur deshalb ausführt, da er bereits einge Herzattacken hinter sich hat und nur mehr sitzend arbeiten kann. Früher bereiste er als Matrose die ganze Welt – heute ist er durch die Limitiertheit und den Alterungsprozess seines Körpers auf einen Ort gefesselt.

Doch auch in dieser Hintergrundgeschichte ist wieder etwas Schönes zu finden, denn Sergio hat sich mit seinem Schicksal arrangiert, geniest die freie Luft und den Moment. Auch wenn seine Geliebte irgendwo in einem südamerikanischen Hafen zurückblieb, so hat er immer noch die Kraft und Liebe den von den meisten Menschen verachteten (unbeachteten) Tauben, wenigstens ein wenig Aufmersamkeit und Zuwendung zu schenken.

Vielleicht weis er gerade deswegen, weil er nicht mehr alles hat, Dinge zu schätzen, die für andere Menschen ganz normal sind.

Ein Bild. Manipulation und doch wahrer als die Realität.

Weitere Zitate von Vilem Flusser zum Thema Fotografie:

„Womit gesagt sein soll, dass Fotografieren eine Geste ist, die philosophische Einstellungen in einen neuen Kontext übersetzt. In der Philosophie wie in der Fotografie ist die Suche nach einem Standort der offensichtliche Aspekt. Die Manipulation der zu Szene wird nicht immer leichthin zugestanden, aber gleichwohl charakterisiert sie die verschiedenen Bewegungen in der Philosophie, und der selbstkritische Aspekt ist derjenige, der uns zu beurteilen erlaubt, ob die Manipulation gelungen ist oder nicht.“

„Sie bedeutet im Gegenteil, dass eine Situation zu beobachten heißt, sie zu manipulieren, oder anders gesagt, die Beobachtung verändert das beobachtete Phänomen.“

„Auch unter diesem Standpunkt gleicht das Fotografieren dem Philosophieren; man kann keinen Standpunkt wählen, ohne die Situation zu manipulieren, auch wenn einige Philosophen das nicht zugeben wollen.“


Buch: Flusser, Vilem: Der Flusser Reader zu Kommunikation, Medien und Design.

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