Tamadaba - Auszeit im ältesten und schönsten Wald Gran Canarias

tamadaba gran canaria

tamadaba gran canaria

Es war wieder mal soweit - mein altes Motorrad wurde nach einigen Wiederbelebungsversuchen (sprich tritten ins Startpedal) wieder zum Leben erweckt. Raus aus dem lauten, lebendigen und modernen Las Palmas de Gran Canaria und rein in die wunderschöne und ruhige  Bergwelt Gran Canaria. Die im Winter tiefgrünen Bergwiesen haben sich in der Zwischenzeit durch die Sommerhitze und Trockenheit braun verfärbt, doch die bis zu 1900 Meter hohen Berge der Insel haben trotzdem nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.

Vorbeizufahren an den Höhlen der Ureinwohner, welche man oft sogar ganz bequem von der Strasse aus sieht, gibt mir das Gefühl dem “wahren” und ursprünglichen Gran Canaria nahe zu sein. Mein heutiges Ziel: die auf einem rund 1500 Meter hohen und fast senkrecht vom Meer aufsteigenden Felsen liegenden Pinienwälder von Tamadaba. Es handelt sich dabei um den ältesten Wald der Insel, welcher nie die Härte und Habgier der Menschen kennenlernen hat müssen. Grosse Teile der Pinien-, Eukalyptus und Loorberwälder welche frühe weite Teil der Insel bedeckt hatten, fielen im Laufe der Jahrhunderte den spanischen Eroberern zum Opfer. Doch die Wälder von Tamadaba wurden aufgrund ihrer abgelegenen Lage von den Rodungen verschont.

Sobald man das Bergdorf Artenara (das am höchsten gelegene der Insel) passiert hat, erstrecken sich vor einem auf mehr als 7.500 Hektar verteilt tausende von wunderschönen, alten, knorrigen Pinienbäumen. Es fast scheint so als sei der Widerstandsgeist, welchen die kanarischen Ureinwohner vor mehr als 500 Jahren lange Zeit gegen die spanischen Eindringlinge gezeigt hatten, im Wald von Tamadaba noch weiterlebt, denn das einzige Zeichen der heute spanischen Zivilisation der Insel, die rund 8 Kilometer lange Asphaltstrasse, wird von den Pinienbäumen von unten durch deren Wurzeln (welche die Strasse aufwölben) und von oben durch deren gefallene Nadeln (welche die Strasse oft grossteils verdecken) attackiert.

Am Ende der vom kanarischen “Urwald” maltretierten spanischen Strasse liegt ein Campingzone - doch heute verlieren sich nur ein paar Leute dort. Ich gehe weiter zu einem der höchsten Punkte des Waldes um von dort aus in Ruhe den Sonnenuntergang im rund 1500 Meter unter mir liegenden Meer zu erleben. Ober dem Meer schwebt wie ein flauschiger, fliegender Teppich eine tief liegende Wolkenschicht und im Hintergrund ragt der mächtige und fast 4000 Meter hohe Vulkan “Teide” aus dem Wolkenmeer. Während die Sonne langsam hinter der Spitze des Berges verschwindet, verändern die Wolken und das Meer “sekundlich” ihre Farben. Ich höre nur den Meereswind durch die alten Baumwipfel rauschen - ansonsten totale Stille.

Plötzlich wird mir eine Tatsache die man in der Metropole Las Palmas de Gran Canaria oft vergisst wieder klar: ich befinde mich auf einer Insel mitten im Atlantik. Mein Atem wird ruhiger und die Probleme und Ungewissheiten, welche jedes Menschenleben Zeit seines Lebens begleiten, werden vom sanften Wind aus meinen Gehirn “gestreichelt” und lösen sich so wie die kleinen Wolkenfetzen die über das Meer ziehen langsam in Nichts, oder das was sie sind - nämlich nur für einen von Milliarden von Menschen wichtige Zufälligkeiten (denn nüchtern betrachtet ist die eigene Existenz Zufall) auf. Jetzt bin ich angekommen im MOMENT. Kein gestern, kein morgen. Ganz im Jetzt zu sein erlöst meine Seele zumindest für wenige Augenblicke von seinem Kampf ums Dasein (den wir am Ende doch alle verlieren). Ich weiss nicht wie lange ich so ganz frei von jedem Gedanken und doch in Gedanken über dem Meer geschwebt bin - doch plötzlich ist die Sonne weg und die Realität ist wieder zurück:

Erste Aufgaben kommen wieder auf mich zu: das Motorrad auftanken, was zu trinken kaufen und rund 2 Stunden bis nach Las Palmas mit meiner motorisierten Schnecke (mein Motorrad erreicht in den Bergen meist nur eine Höchstgeschwindigkeit von 30km/h) durch die gewundenen Strassen der Bergwelt Gran Canarias kriechen. Danach noch mehr Aufgaben - aber so ist mal das Menschenleben. Aber ab und zu tut es auch gut, sich selbst zu vergessen und wie ein alter kanarischer Baum dem salzigen Meereswind zu trotzen oder wie eine zarte Wolke über das unendlich weite Meer zu ziehen und sich am Ende in Nichts aufzulösen … vielleicht schon eine kleine Übung für die eigene Existenz?

Ein Kommentar zu “Tamadaba - Auszeit im ältesten und schönsten Wald Gran Canarias”

  1. Robäad Lexn

    sehr guter und mitreißender artikel, lieber tompe… respect! machs gut und vielleicht seh ma uns die nächsten monate ja wieder mal. in österreich oder auf den kanaren, who knows…

    lg robert

Einen Kommentar schreiben: